Waffenruhe - Demagogie

Waffenruhe - Demagogie
CDr
Erscheinungsjahr: 2015







Das Motto des neuen Albums von Waffenruhe lautet "Im Geiste frei", und so eröffnen die Samples des ersten Stücks das gut 65-minütige Werk auch sehr passend mit der Grundaussage "Öffne deinen Geist". Eine Anweisung, die der sogenannten Untergrundszene gut zu Gesicht stehen würde, ist von der vermeintlichen Abkehr von der Normalität, von der oberflächlichen Welt der Spießbürger und Mitläufer bei näherem Hinsehen doch meist nicht mehr viel übrig. Zu sehr scheint man sich in jeder Szene, egal ob politischer oder sozialer Natur, von hohlen Leitbildern und Dogmen vereinnahmen zu lassen. Viel zu oft geht es nur noch um die Verfolgung einer bestimmten Ideologie, um die Einhaltung bestimmter gedanklicher oder modischer "Dresscodes" als um die Verwirklichung eigener Persönlichkeiten. Nun ist es gerade für sehr junge Menschen symptomatisch, dass sie in solchen Szenen erst allmählich ihren eigenen Standpunkt heranbilden, daher sollte der Gedanke der geistigen Freiheit, der ursprünglich hinter der Etablierung von Untergrundszenen stand, endlich wieder offen und mit gesundem Selbstverständnis gelebt werden. Waffenruhe scheinen diesen Weg mit ihrem neuen Album konsequent gehen zu wollen: Ein Unterfangen, das man nur begrüßen und unterstützen kann! 
Der erste Titel beginnt mit einer verhallten Orgel und gefällt mir sehr gut. Das Klangbild ist ausgesprochen differenziert und erinnert sogar ein wenig an die einstigen Glanztaten von Les Joyaux de la Princesse. Die große Überraschung dieses Musikstücks ist dann allerdings der Vokalpart. Die (neben dem Bonustrack) einzigen Lyrics des Albums werden von Soldat D. in verzweifelter, beinahe punkiger Art vorgetragen. Ein großartiges Eröffnungsstück! Gerade das Zusammenspiel von Samples und eigenem Gesangsvortrag erzeugt eine Intensität, die ich mir auf dem Album tatsächlich noch häufiger gewünscht hätte.
Was nicht heißen soll, dass der Rest der CD schlecht wäre, ganz im Gegenteil. Fast jeder Titel kann durch eine wunderbare, tieftraurige Atmosphäre überzeugen. Als kleines Manko muss ich es ansehen, dass sich einige Stücke sehr ähneln, so dass man sie am Ende nicht mehr genau auseinanderhalten kann. Titel II, III und IV beispielsweise, doch erzeugt dieses allgemein sehr ähnliche Klangbild vielleicht gerade deshalb einen nahezu hypnotischen Sog, für den Waffenruhe ja nun einmal bekannt ist. Während mächtige, martialische Trommeln stetig voranschreiten, baut sich über ihnen langsam ein meist streicherbasierter Klangteppich auf, der gelegentlich von harmonischen Holz- oder Blechbläsern aufgelockert wird. 
Titel Nummer VI beginnt mit pulsierendem Bass, über den sich alsbald choralartige Synthesizer legen, bevor sich die sehr, sehr alten Samples über die Vor- und Nachteile preußischer Tugenden auslassen. Titel Nummer VII beginnt mit hellem Orgelklang und überrascht im weiteren Verlauf mit einem beinahe poppigen Rhythmus. Sehr schön. Titel Nummer VIII beginnt eher minimalistisch, baut in seinen 7 Minuten dann aber erneut eine wunderbare symphonische Stimmung auf. Ein gelungener Abschluss des "Demagogie"-Zyklus auf dieser CD. Nach kurzer Pause folgt schließlich das Schlusslicht des Albums, der Bonustrack "False Flag", der sich musikalisch tatsächlich deutlich vom Rest des Albums abhebt (inhaltlich allerdings nicht so weit entfernt ist). Er ist sehr rhythmisch und enthält einige sehr angenehme Noise-Elemente; das typische Waffenruhe-Klangbild kann man aber gut erkennen. Alles in allem ein wirklich gelungenes Album, in der Art der Präsentation etwas anders als der Vorgänger. Und das ist auch gut so, denn Stillstand ist der Tod.
Noch ein Wort zur optischen Gestaltung der CD: Hier hat sich Castellum Stoufenburc einmal mehr selbst übertroffen. Ein quadratischer schwarzer Umschlag wird von einem roten Sigel verschlossen, so dass man das gute Stück leider an irgend einer Seite beschädigen muss, um an den Inhalt heranzukommen. Im Inneren liegt die CD zwischen 2 Covereinlagen, welche zum einen die Texte des Albums und zum anderen eine programmatische Ansage des Künstlers enthalten. Der Minimalismus dieser Veröffentlichung beweist einmal wieder: Weniger ist mehr!

mr.

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