MARS - Sons of Cain

MARS - Sons of Cain
CD
Vertrieb: :Ikonen: media
Erscheinungsjahr: 2012








MARS - das sind Marcus S. und Oliver F. So neu die Band auch ist, beide Musiker blicken bereits auf eine umfangreiche musikalische Vergangenheit zurück. Diese Erfahrung macht sich bemerkbar, wie das Debütalbum "Sons Of Cain" eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die Musik von MARS wird von der Band selbst sehr treffend als "Apocalyptic Pagan Folk" beschrieben. Die Texte aller Lieder sind in englischer Sprache verfasst und behandeln durchweg nachdenkliche Themen am Kreuzweg zwischen Mythologie und persönlich gefärbten Geschichten. MARS verzichten bewusst auf jeden plakativen Anstrich in ihrer Musik, was dem Album einen geschlossenen und sehr ehrlichen Charakter verleiht, auch wenn damit möglicherweise verhindert wird, dass es sich jedem Zufallshörer sofort erschließt. Aber ich bin sicher, dass genau dies die Absicht der Band gewesen ist. Freunde von :Golgatha: oder frühen Sol Invictus werden hier auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen, den Willen zur eingehenden Beschäftigung mit "Sons Of Cain" einmal vorausgesetzt.
Im Folgenden werde ich versuchen, näher auf einzelne Titel einzugehen.

Mit "Worldserpent" hat das Album einen perfekten Opener bekommen - von sanften Streichern eingeleitet, beginnt ein wunderbar harmonisches Stück, das in der Form eines Traumes vom Erscheinen der Midgardschlange erzählt.
"Hymn To Mithras" - hier werden Erinnerungen an Blood Axis wachgerufen , die das gleiche Gedicht von Rudyard Kipling ("Song To Mithras") als Grundlage für einen ihrer Klassiker verwendet haben. Ein sehr hymnischer und gradliniger Song mit abwechselndem Gesang der beiden Musiker.
"Memories" erzählt von persönlichen Erfahrungen. Erinnerungen fragen nicht nach gut oder schlecht, falsch oder richtig, sie entstehen unabhängig von unseren Intentionen und Plänen. Und doch müssen wir mit ihnen leben, denn sie werden stets ein bedeutender Teil von uns bleiben.
"The Spirit's Glance" - von rhythmischen Trommeln begleitet, entwickelt sich dieser eingängige Titel schnell zu einem der Ohrwürmer des Albums.
"Sons Of Cain" - wir werden Zeuge eines faszinierenden Zwiegesprächs zwischen der Stimme des Gewissens und der sturen Antwort, nur das Befohlene ausgeführt zu haben. Welche Konsequenzen entstehen aus unseren Taten - und welche Verantwortung muss der Mensch letztendlich übernehmen?
"(It Was Never The) Darkness". Von Flötenklängen eingeleitet, wird eine unruhige Atmosphäre aufgebaut, welche die traurige Geschichte eindrucksvoll untermalt. Es war niemals die Dunkelheit, die uns trennte, und doch sind wir in verschiedene Richtungen gedriftet. Wir, das menschliche Treibgut.
"Man's Creation" geht der Frage nach, was der Mensch erschaffen hat - außer dem Tod.
"Thin Red Line" - nur eine sehr dünne Linie trennt Freund und Feind, Krieg und Frieden. Eine Linie, die wir auf unserem Weg in den Abgrund unweigerlich überqueren müssen, wenn wir die Grenze zwischen beiden Extremen erkennen wollen.
"Woodpath". Ein Song, der sich immer mehr steigert, mit folkloristischer Percussion und schließlich gar mit verzerrten Gitarren aufwartet. Wir sind Zeuge der Suche nach den Ursprüngen, nach dem Weg in die Wälder. Und schließlich nach dem, was den Menschen in seiner Essenz ausmacht.
"The Road" ist ein klassisches Roadmovie, das eines der zentralen Themen amerikanischer Folk und Country Musik aufgreift: Der Tag und Nacht andauernden Fahrt, bei der die Straße längst zum Synonym für die (verlorene) Heimat geworden ist.
"Winter" - über schwebenden Streicherflächen baut sich eine eisige Stimmung auf, wenn der Protagonist den Frost und das schneebedeckte Land beschreibt.  Hier wird wieder Bogen zur nordischen Mythologie geschlagen, erinnert das Szenario doch nicht von ungefähr an die Beschreibung des Fimbulwinters.
"Grain". Für Jahrhunderte hat die Menschheit im Einklang mit der Natur gelebt, doch diese Zeiten sind vorbei. Zerstörung greift um sich , längst hat sich der Mensch gegen seine Götter, die Natur, erhoben und damit womöglich seinen Untergang besiegelt. Mit einer berückend schönen Coda aus Percussions, Gitarren und Chor beschließt dieses Stück das Album. Doch wer weiß, vielleicht besteht noch Hoffnung für diejenigen, die es noch verstehen, zu suchen und zu sehen?

Das Debütalbum von MARS besticht durch hypnotisches und hymnisches Liedgut sowie durch eine energische und manchmal raue Produktion. Sparsam eingestreute sphärische Elemente, wie die sakralen Stimmen in "Sons Of Cain", das Filmsample in "Memories" oder die Flöten der Ureinwohner lockern die Atmosphäre des Albums wohltuend auf und sind sehr wirkungsvoll eingesetzt.
Beeindruckt hat mich die inhaltliche Konsequenz des Albums. Eine martialische Thematik, sonst im Bereich des Dark Folk ein gern verwendetes Stilmittel, bleibt vollständig außen vor, auch die Lieder an sich kommen erstaunlich oft ohne mächtige Trommeln oder Pathetik aus. "Sons Of Cain" ist ein Album, auf dem die Percussions eine wichtige Rolle spielen, aber selten stehen sie im Vordergrund, meist beschränken sie sich auf die zurückhaltende Begleitung der in allen Liedern regierenden Akustikgitarre.
Beeinflusst von amerikanischer Folklore und europäischer Tradition, entsteht inhaltlich ein zwiespältiges Bild, das mich nach dem ersten Hören etwas verwirrt zurücklässt, auf der anderen Seite aber mit wunderbaren, harmonischen Kompositionen überzeugt, so dass ich "Sons Of Cain" immer wieder gern einlege. Sei es, um den melancholischen Geschichten zu lauschen, oder einfach nur ein reifes und überzeugendes Folkalbum zu hören, das mich mit seinen gelegentlich an Wakeford, Cohen oder Cash erinnernden Liedern stets von neuem verzaubert.

mr.